Seit 1976 fuhr ich jeden Sommer mit Freunden per Interrail in den hohen Norden. Die menschenleere Gebirgswelt am Polarkreis entfachte bei uns Teenagern die Lust auf das große Abenteuer. Von Jahr zu Jahr suchte ich für uns immer härtere Routen heraus. Im Juli 1981 gelangte ich mit drei Freunden nach 14 Tagen durch Lapplands Wildnis zum ersten Mal an das Ende des inneren Tysfjords. Im strömenden Regen suchten wir den Abstieg vom Felsplateau hinunter an den Fjord, völlig erschöpft von der 220 km langen Tour und dem miserablen Wetter. Bis auf die Haut durchnässt kamen wir schließlich in der winzigen, nur sporadisch im Sommer von einheimischen Sami bewohnten Siedlung an. Einer von ihnen erlaubte uns, im Sägewerk seiner Familie unsere Sachen zu trocknen und uns aufzuwärmen. Mit Erling bin ich bis heute befreundet. Bereits ein Jahr später kehrte ich im September 1982 mit meiner damaligen Freundin Ulrike in den Tysfjord zurück, um von hier aus eine große Tour quer durch die angrenzenden schwedischen Nationalparks zu starten.
Im Herbst 1993 kam ich für “Norwegens Norden”, mein zweites Buch, mit meinem Fotografenfreund Andreas wieder in die Region. Dieses Mal traf ich Erlings charismatischen Vater Mikal, der sich sein Leben lang für die Rechte seines Sami-Volkes und den Schutz ihrer Heimat einsetzte. Wir fuhren zum Fischen gemeinsam mit seinem Boot auf den Fjord hinaus, lernten dank ihm Ivar kennen, einen der letzten damals noch lebenden Fluchthelfer aus der Zeit der deutschen Besatzung. In jenen Kriegsjahren existierte hier an der schmalsten Stelle Norwegens eine wichtige Fluchtroute durch das schwer zugängliche Fjordland ins neutrale Schweden. Andreas und ich starteten von hier aus eine 7-tägige Tour durch extrem schwieriges Gelände zu einem Nachbarfjord – unterwegs keine Pfade, keine Brücken, keine Menschen.
22 Jahre später: Im Herbst 2015 erreichte ich mit meinem Bulli “Erwin” und meinem Assistenten Daniel wieder die Region auf meiner Europa-Tour von Istanbul zum Nordkap. Erst da erfuhr ich von Erling, dass er 1982 ziemlich sauer war, dass das hübsche Mädchen von damals mit mir über die Berge verschwand und nicht länger bei ihnen im Sägewerk blieb… Trotzdem fuhren wir gemeinsam mit seinem Boot bis ans Ende des Fjordes, liefen bis hoch zum Canyon und übernachteten wieder im Sägewerk – wie 33 Jahre zuvor.
Elf Jahre nach meinem letzten Zwischenstopp am Tysfjord mit Bulli “Erwin” kehrte ich nun mit meinem Sohn Max (20) in diese monumentale Landschaft zurück. Nur 3x pro Woche tuckert die kleine Fähre bis ans Fjordende. Außer uns und der Zweimann-Schiffscrew sind nur zwei weitere Personen an Deck, die auf halber Strecke aussteigen. Auf der letzten Etappe sind Max und ich die einzigen Passagiere. Immer näher rücken die steilen glattgeschliffenen Felswände von beiden Fjordseiten an uns heran.
Dann spuckt uns die Fähre am Fjordende aus: Hellemobotn, ein Dutzend Häuser auf einer großen Wiese verstreut, nur sporadisch im Sommer von Sami-Familien bewohnt. Kein Mensch ist zu sehen, aus der Ferne donnert ein mächtiger Wasserfall in den Talkessel. Wir müssen uns mit unseren schweren Rucksäcken nicht sputen, denn es ist Ende Juni – es bleibt 24 Stunden hell. Weit nach Mitternacht erreichen wir das Zwischenplateau und schlagen unser Zelt auf.
Fast eine Woche lang erforschen wir die abgelegene Grenzregion mit ihrer wilden Schönheit. Kalte Regenschauer und tiefhängende Wolken prägen die Tage, aber nie wird es dunkel. Einen Schlafrhythmus zu finden ist in dieser Zeit unmöglich. Wir begegnen niemanden, haben weder Mobilfunkempfang noch Internet. Dafür viel Zeit für Gespräche zwischen Vater und Sohn, abends gemeinsam kochen, danach miteinander Schach spielen… Wir nehmen immer mehr wahr: das Gezwitscher der Regenpfeifer, Elchlosung im Buschwerk, die uralten Wegmarkierungen der Sami auf dem Hochplateau – kleine Steinpyramiden, die in der Leere der Landschaft wie ein archaischer Ritualplatz anmuten.
Am sechsten Tag erblicken wir Menschen in der Ferne an einem Seeufer angeln. Keine einheimischen Sami, sondern vier Finnen, die sich per Helikopter auf die schwedische Seite zum Fischen haben einfliegen lassen. Was machen Finnen außer in die Sauna gehen? Einer holt eine große Whiskyflasche aus seinem Gepäck! Wir stoßen auf die deutsch-finnische Freundschaft an, dann beschenken sie uns mit einer prächtigen Lachsforelle – was für eine wunderbare völlig skurrile Szene mitten im Nirgendwo!