Warum Deutschland?

Eine Reise zurück nach vorn

Wer vor fünfzig Jahren in die Ferne reiste, tat das mit staunenden Augen. Die Welt war noch ein Versprechen: schwer erreichbar, geheimnisvoll und neu. Fernsehabende mit Hardy Krüger oder Professor Grzimek öffneten Fenster in fremde Welten: Nashörner in der Serengeti, Hyänen unter der afrikanischen Sonne. Diese Bilder brannten sich ein, weil sie unbekannt waren. Reisen bedeutete Entdecken und echtes Staunen.

Die Heimat dagegen war klar umrissen, denn sie bestand aus festen Koordinaten: Nachbarschaft, Kirche, Sportplatz, Eckkneipe. Sie gab Struktur und Zugehörigkeit. Man kannte sich – und man kannte sich aus.

Heute ist alles anders. Die Ferne ist uns mittlerweile seltsam vertraut geworden, bevor wir sie überhaupt betreten. Per Mausklick wissen wir, wann genau der Sonnenaufgang über der Mesa Arch am eindrucksvollsten ist. Wir kennen die Speisekarte des besten Cafés in Kapstadt, die Hotelbewertungen in Cancun, die Top-Fotospots auf den Seychellen. Die große weite Welt ist kartografiert, digitalisiert und analysiert – bis kaum noch Raum für Überraschung bleibt.

Was uns dagegen oft fehlt, ist der Blick für das Naheliegende. Wer kennt schon die Höri, die Oberlausitz oder das Bliesgau? Regionen voller Geschichte, Charakter und Natur – aber auf der inneren Landkarte der meisten Menschen schlicht unbekannt. Wir wissen, wo Bali liegt, aber nicht, was hinter dem nächsten Hügel beginnt. Die Ferne scheint uns vertrauter als das Eigene. Vielleicht, weil wir glauben, dort etwas zu finden, das wir hier nicht mehr vermuten.

Als Kind schrieb ich Geschichten wie „Der Zauberer von Caracas“ auf der alten Schreibmaschine meines Vaters. Da brannte tatsächlich schon das Fernweh, der Wunsch, woanders zu sein. Und später bin ich gereist: zunächst per Interrail durch Nordeuropa und als Tramper durch Island, dann mit dem Flieger über den großen Teich immer wieder nach New York, Rio und Patagonien und schließlich durch Staub und Schlamm die ganze Panamericana entlang. Ich habe die Ferne gesucht und sie gefunden. Doch sie brachte mir auch einen geschärften Blick auf das eigene Land.

Denn erst wer die Welt mit offenen Augen gesehen hat, beginnt zu begreifen, wie viel er zuhause noch nicht kennt. Und so kehrte ich zurück – nicht, um mich niederzulassen, sondern um weiterzureisen. Langsam, bewusst und offen. In meinem alten Bulli „Erwin“ umrundete ich Deutschland: 18.000 Kilometer durch Landschaften, Dörfer, Städte – und durch Fragen, die zuvor in der Ferne keine Antwort fanden. Manchmal habe ich mich auf der langen Tour auch ein paar Kilometer über die Grenze hinweg in die Nachbarländer begeben, um von außen wieder den Blick auf das Innen zu schärfen.

„360° Deutschland“ war keine Flucht vor dem Alltag, sondern eine Hinwendung zu den Menschen, zur Vielfalt dieses Landes – und letztlich auch zu mir selbst. Es war eine Erfahrung und eine Erkenntnis: Heimat ist nicht immer ein Ort, sondern oft auch ein Prozess. Und manchmal beginnt er genau dort, wo man vorher nie wirklich hingeschaut hat.

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